Awareness ist eine Praxis der aufmerksamen, parteilichen Fürsorge in Gruppen und auf Veranstaltungen. Ein Awareness-Team ist niedrigschwellig ansprechbar, wenn Menschen Grenzüberschreitungen, Diskriminierung, Übergriffe, Reizüberflutung oder emotionale Überforderung erleben. Es geht nicht um Bestrafung oder Konfliktschlichtung "von oben", sondern darum, Betroffenen zuzuhören, sie ernst zu nehmen, zu begleiten und ihnen die Entscheidung über die nächsten Schritte zu lassen.
Wir haben physische, emotionale und digitale Schutzbedürfnisse. Mit Hilfe von Yoga, Sprechen und Zuhören können wir herausfinden, wie wir mit Überlastung, Burn-Out und Bedrohungen von Außen umgehen können.
Yoga kann das Körperbewusstsein stärken und dadurch dazu beitragen, dass wir uns auch bei Herausforderungen sicher fühlen. Gleichzeitig braucht es Werte, die als Ankerpunkte eine Tendenz erzeugen. Beides zusammen sorgt für Balance und Ausgeglichenheit.
Fallstricke
Meditation und Achtsamkeit haben erst mal positive gesundheitliche und mentale Wirkungen, das ist empirisch erforscht. Aber einige Menschen spüren auch Nebenwirkungen. Das kann von Schlafstörungen bis zu Dissoziationen reichen. Oder man lernt, sich so sehr zu beruhigen, dass man ungesunde Situationen aushält, anstatt sie zu verlassen. Der Wunsch nach Wellness und Entspannung scheint jedenfalls nicht ausreichend zu sein, um autoritären Tendenzen entgegen zu wirken.
In ihren Buch „Beyond Wellness“ schreibt Liz Bucar über den Ursprung der allermeisten Wellness-Trends in religiösen Riten und Praktiken, was den wenigsten bewusst sei. Von der Wurzel her betrachtet geht es bei Gesundheitstrends wie Diäten oder Yoga nicht um (Selbst-)Optimierung, sondern um tiefere Werte, wie z. B. Gleichgewicht. Yoga bedeutet in der wörtlichen Übersetzung, dass wir uns „anbinden“. Der Yogi versucht sich mit Hilfe einer (Körper-) Haltung zu verankern. Unser Körper dient dabei als Brücke und Bezugsrahmen. Voreingenommenheit und Mindset werden in Frage gestellt, um unsere Wahrnehmung auf eine wahrhaftige Basis zu stellen. Diese Verankerung beinhaltet eine untrennbare Verbindung mit unserem eigenen gesundheitlichen Idealbild. Es gibt allerdings auch Ankerpunkte, die unsere kollektiven Werte reflektieren. Sie sind mit unserer politischen Identität verknüpft. Diese Ankerpunkte entscheiden darüber, ob rigides oder offenes Denken gefördert wird.
Neurologische Studien verweisen auf das „ideologische Gehirn“
Leor Zmigrod schreibt in ihrem 2025 erschienenen Buch „Das ideologische Gehirn“, dass ein rigides und statisch denkendes Gehirn neurobiologisch identifizierbar ist. Sie hat erforscht, dass ständiges Wiederholen von festgelegten Ritualen ideologisches Denken begünstigen kann. Nach dieser Lesart könnte das periodische (tägliche) Chanten von „Klangwörtern“ (Mantras) oder immer wiederkehrende Körperpraktiken (Asanas) messbar negative Auswirkungen auf die Plastizität des Gehirns haben.
Das „ideologische Gehirn“ sehnt sich nach absoluten Antworten und strikten Verhaltensregeln. Wenn diese mit rituellen Praktiken oder Symbolen in Verbindung gebracht werden, könnte das zu einer rigiden Eigengruppen-Mentalität führen. Diese zeichne sich z. B. durch eine Überhöhung des „Eigenen“ und Herabwürdigung des „Fremden“ aus. Außerdem würden interne Kritiker*innen als „Nestbeschmutzer“ bekämpft, Mitsprache und Partizipation eingeschränkt und Clan-Strukturen eingeführt. Derartige Tendenzen sind in einigen Yoga-Gemeinschaften tatsächlich zu beobachten.
Ankerpunkte, die eine Tendenz erzeugen
Viele Yogis berichten hingegen, dass die tägliche Wiederholung von Yoga und Meditation (z. B. frühes Morgenyoga, Sadhana) innere Grenzen und Barrieren öffnen kann. Manche berichten davon, dass das eigene Bewusstsein sich ausdehnt und die innere Toleranz gefördert wird. Möglicherweise kommt es auf die Art und Weise der Yogapraxis an, ob Yoga den Geist öffnet oder rigideres Denken gestärkt wird. Eine zentrale Rolle spielt dabei der innere Kompass oder Fokus- bzw- „Ankerpunkt“. Dies ist eine Art „rote Linie“, die von unseren Werten und unserem Weltbild („Einstellungen“ im wahrsten Sinne des Wortes) gesetzt wird. Wenn dieser Ankerpunkt in einem rigiden Umfeld eingeordnet ist, dürfte die oben beschriebene Eigengruppen-Dynamik zum tragen kommen. Wenn der Ankerpunkt hingegen auf der Vorstellung von Verbundenheit und Gleichberechtigung basiert, kann rigides Denken weniger zum Zuge kommen.
